Diese Frage stellen sich wohl viele Eltern, deren Kinder schlechte Noten in Mathe nach Hause bringen.
Meine Erfahrung ist ein ganz klares JA! Die meisten zumindest.
Beim Großteil der Schüler, mit denen ich gearbeitet habe und die schlechte Noten in Mathe hatte, hat es einen oder mehrere der drei Gründe gegeben, die zusammenhängen:
Die Grundlagen haben gefehlt.
Die Methode hat nicht gepasst.
Die Motivation ist nicht vorhanden gewesen.
Auf diese möchte eingehen.
Vielen Schülern und Eltern ist nicht klar, dass die einzelnen Stoffgebiete in der Mathematik aufeinander aufbauen. Deshalb ist es kein Wunder, dass Mathe keinen Spaß macht, wenn die Grundlagen nicht sitzen und das Kind versucht, Prinzipien und Formeln ohne Verständnis auswendig zu lernen, weil es das für die Prüfung können muss.
Viele Themengebiete in der Mathematik hängen zusammen und oft ist es nicht möglich, ein Thema, das im Lehrplan weiter vorne angesiedelt ist, zu verstehen, wenn das aktuelle Thema bzw. jene, die davor kamen, nicht verstanden wurden.
Beispiel:
Um Potenzen zu verstehen muss man das Prinzip der Multiplikation verstanden haben, und um die Multiplikation zu verstehen, muss man das Prinzip der Addition verstanden haben. Die Addition ist also die Grundlage für die Multiplikation und die Multiplikation ist die Grundlage für das Potenzieren.
Hast du gewusst, dass die meisten Lehrbücher für Lehrer*innen geschrieben wurden und nicht für Schüler*innen? Aber genau letztere müssen daraus lernen, oft alleine zu Hause.
Und es ist nicht nur so, dass Lehrer*innen selbst einmal aus Lehrbüchern unterrichtet wurden und diese zum Lernen verwendet haben, sie halten sich sehr wahrscheinlich auch an sie. Aus Lehrbüchern zu unterrichten und zu lernen ist normal geworden.
"Ich verstehe erst was dort drinsteht, wenn ich's eh schon kann."
~Schüler im TikTok-Live
Das Problem mit Schulbüchern ist, dass oft wichtige Details fehlen, die auch der/die Lehrer*in oft nicht erklärt.
In einem TikTok-Live hat mir ein Schüler im Chat genau das geschrieben, was ich selbst als Schüler erlebte: "Ich verstehe erst was dort drinsteht, wenn ich's eh schon kann."
Das haben auch andere Schüler bestätigt, im TikTok-Live und auch als ich sie im Mathe-Coaching gefragt habe.
Ich habe mir einige Mathebücher von unterschiedlichen Autoren und Verlagen angeschaut und oft sieht es so aus, dass eine Aufgabensammlung mit Lösungen und ein Formelheft reichen würde, denn oft fehlen wichtige Details, die Schüler*innen zum Verständnis brauchen. Außerdem sind Erklärungen oft schlichtweg verwirrend, sodass sie nicht zum Lernerfolg des Schülers/der Schülerin beitragen. Sehr oft fehlt die Antwort auf die Frage: "Und wozu brauche ich das jetzt?", die sie sich berechtigterweise stellen.
Viele Lehrer verlangen, dass Schüler*innen Formeln auswendig können müssen. Das sehe ich als zweischneidiges Schwert.
In der Mathematik geht es um das erkennen und andwenden von Mustern und teilweise steht man wie der Ochs vorm Berg, wenn man nicht erkennt, worum es gerade geht, weil man das zugrunde liegende Prinzip nicht versteht. Bei binomischen Formeln zum Beispiel. Wenn man das Muster versteht, dann kann man auch mit sehr kompliziert aussehenden Termen arbeiten - genau das ist oft das, was Schüler*innen einschüchtert und sie geben dann auf, bevor sie überhaupt erst begonnen haben, obwohl es eigentlich relativ einfach ist und man nur etwas Konzentration und Übung braucht.
Bei solchen Aufgaben hilft es, wenn man die binomischen Formeln auswendig kann, weil man das Muster dann leichter erkennen kann.
Sonst finde ich es ziemlich unnötig und auch widersprüchlich, Formeln memorieren zu lassen, wenn Schüler*innen heute schon das Internet in der Hosentasche haben. Im realen Leben braucht man sie wahrscheinlich nicht, und in den MINT-Berufsgruppen wendet man sie mehr oder weniger regelmäßig an und sie gehören zum Berufsalltag. (MINT steht für Mathematik, Informatik, Wissenschaft und Technik.)
Wenn Schüler*innen wirklich gezwungen sind, Formeln auswendig zu lernen, dann hilft es oft, sich die Herleitung der Formel anzuschauen oder jemanden zu fragen, die Formel herzuleiten, weil es in Mathe-Büchern oft nicht verständlich dargestellt ist.
Eine Schülerin auf TikTok gab mir mal folgende Rückmeldung, die ich gerne zitieren möchte:
"Mein Lehrer erklärt es irgendwie so starr und meint man macht es so weil man es immer schon so gemacht hat, aber ich finde du hast eine ganz andere Herangehensweisen bzw. du hinterfragst wie setzt sich die eine spezifische Formel zusammen und wie kann ich sie mir herleiten oder auch wie ist Cosinus, Sinus und
Tanges entstanden bzw. für was sie da sind. Das habe ich alles durch dich lernen dürfen. Mir fällt es irgendwie leichter eine Formel oder die Schritte zu verstehen, wenn ich sie hinterfrage oder herleiten kann."
~Schülerin auf TikTok
Was icht jetzt schreibe, ist eine Hypothese, die Beobachtung im Mathe-Coaching entstanden ist, nämlich dass man schneller ist, wenn man an den richtigen Stelle länger verweilt.
Ich verstehe, dass Lehrer*innen einen gewissen Druck haben, dem Lehrplan zu folgen und den Stoff durchzubringen. Meine Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass Schüler insgesamt schneller lernen, wenn man einen Schritt zurück geht, die Grundlagen noch einmal erklärt, üben lässt und Erfolge feiert. Wie oben schon erwähnt: In Mathe hängen viele Themen miteinander zusammen, und wenn die Grundlagen nicht sitzen macht es wenig Sinn, sich fortgeschrittenen Themen zu widmen. Ich habe wiederholt erlebt, dass oft eine 10- oder 15-minütige Erklärung genügt, um eine Wissenslücke bei einem Schüler zu schließen und dann weiter zu machen.
Was außerdem viele übersehen ist, dass die Lernkurve beim Mathe-Lernen exponentiell verläuft. Das bedeutet, dass es sein kann, dass man am Anfang länger braucht und noch nicht so viele Fortschritte erkennt, später aber einen schnellen Anstieg feststellt - vorausgesetzt man lernt richtig und regelmäßig.
Nach all dem, was ich bisher geschrieben habe, ist es kein Wunder, dass viele Teenager keine Lust auf Mathe haben, noch dazu, wenn sie schlechte Noten haben.
Wenn der Schulstress hoch ist, man im Unterricht nicht mehr mitkomment und schlechte Noten bekommt, dann sinkt das Selbstvertrauen - dazu kommt oft noch die Pubertät.
Auf diese Weise beginnen, die inneren Selbstgespräche Schritt für Schritt negativ zu werden und man merkt es nicht, weil es so schleichend geht.
Der Schüler/Die Schülerin redet sich vielleicht ein:
"Ich bin zu dumm für Mathe."
"Ich kann mich anstrengenen und schaffe die Prüfung trotzdem nicht."
"Ich schaffe es sowieso nicht..."
Daraus folgt eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die sich in mangelnder Motivation, negativem Lernverhalten und noch mehr schlechten Noten äußert.
Finde heraus, wo dein Kind bezüglich des Stoffs in Mathe steht, wo es hin muss und was es braucht, um Wissenslücken zu schließen.
Findet passende Lernstrategien, Unterlagen oder holt euch Unterstützung von einem Experten.
Halte dein Kind an, positive Selbstgespräche zu führen und Erfolge zu schaffen, um das Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl zu stärken.


Markus Hasenauer
Mathe-Coach und Gründer von Edcolution
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